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Vorgeschichte
Für die Darlegungen in der Vorgeschichte wurden keine historischen Quellen zu Rate gezogen.
Die Christianisierung Rußlands begann um die Jahrtausendwende. Diese Christianisierung erfolgte mit Feuer und Schwert, während sie gleichzeitig Liebe und Gerechtigkeit predigte. Die bodenständige Religion und andere noch ältere Überlieferungen, in welcher der Mensch in Einklang mit der Natur lebte, wurden verteufelt.
Während Kultstätten und Priester der alten Religion vom etablierten Christentum rasch hinweggefegt wurden, konnten personengebundene Überlieferungen und schamanistische Praktiken besser überleben (für die Bedürfnisse wie Heilung und Magie bot das Christentum nichts Ebenbürtiges). Dieses Wissen überlebte, großteils im Geheimen, selbst im zentralen Kern Rußlands noch Jahrhunderte; weniges hielt sich sogar bis in die heutige Zeit. Durch die Eingliederung neu eroberter Länder konnte Wissensgut nichtchristlicher Regionen zusätzlich in das russische Stammland einstrahlen.
Im europäischen Teil Russlands verlor sich die lebendige Verbindung mit der bodenständigen Altreligion immer mehr. Linien des alten Wissens, die sich auf verschiedene Gebiete spezialisiert hatten, teilten sich in eigenständige Traditionen, und versuchten auf ihre Art zu überleben. Dadurch drifteten sie in ihren religiösen Anschauungen und Methoden immer mehr auseinander. Schamanen, Hexen und nicht organisierte, nur in der Familie weiter vermittelte Traditionen begannen sich als eigenständige Linien auszubilden. Es gab zwar schon früher unterschiedliche Traditionen, nur waren diese ähnlicher und noch nicht einander entfremdet.
Für alle jene Gruppierungen war es ein Leben im Untergrund mit Zeiten intensiver Verfolgung und Zeiten einer mäßigen Toleranz und nie war man sich ganz sicher.
In den vielen Jahren der Verfolgung, in welchen durch die Soldateska nicht nur etwaige Einzelpersonen, sondern ganze Dörfer ausgerottet wurden, mußte von jenen Menschen, die das alte Wissen weiter trugen ein hoher Blutzoll geleistet werden. Ganz besonders galt dies für die Hexen. Und was noch schmerzhafter war, durch die Verbitterung über die Verfolgung und die dafür verantwortlichen Staatsreligion, begann das Hexentum sich an jene zu wenden, welche vom Christentum als die gefährlichsten Feinde eingestuft wurden - an den Teufel und sein Gefolge. Da diese die deklarierten Feinde des Christentums waren, mußten sie logischerweise Verbündete sein.
Viele Angehörige des Hexentums waren nicht bereit alte Werte zugunsten des schwarzen Hexentums zu opfern und es kam zu einer Spaltung.
Zu jener Zeit, als sich diese Spaltung vollzog, war das Hexentum noch sehr mächtig. Es gliederte sich in Hexenvölker, die von einem Groß-Hexenmeister geleitet wurden. Die Spaltung in weiße und schwarze Hexen (u. Hexenmeister) vollzog sich somit nicht in einem "stillen" Auseinandergleiten von Konventen, sondern in Auseinandersetzungen im großen Maßstab (natürlich im Geheimen). Begünstigt wurde dies durch abgewanderte Hexen und Hexer aus dem westlichen Europa, in welchem zu jener Zeit die letzten Hexenverfolgungen stattfanden. Diejenigen, die sich absetzen konnten, gehörten nicht zu den Unbedeutenden oder gar zu den unzähligen Verfolgten, die mit dem Hextentum nie in Berührung kamen, sondern es waren Wissende und gesellschaftlich etablierte Personen, die über genügend Beziehungen und Schutz verfügten. Sie verfügten auch in Rußland über Einfluß, nicht nur wegen ihrer gehobenen Herkunft, sondern weil sich Rußland schon damals als Teil Europas fühlte und sich gerne allen Fortschritten aus dem Westen öffnete.
Aus jener Epoche bringe ich eine von mir erträumte Lebensgeschichte, die, obzwar sie das Schicksal eines einzelnen Menschen erzählt, solcherart auch das Schicksal der Hexenvölker jener Zeit schildert. Die nachfolgende Geschichte ist eine getreue Wiedergabe des Traumes, ohne Hinzufügungen. Unwesentliche Details, Beschreibungen der Örtlichkeiten und Namen wurden weggelassen.
Morphopopulus - Traum
Dies ist die Geschichte von Morphopopulus, dem "Gestalter des Volkes", später von seinen Feinden "Populus", "einer aus dem Volke", genannt:
Ein Schicksalsschlag beendete das bislang ruhige Leben zweier Jugendlicher. Es war die Aufrufung des Landesherren zum Soldatendienst. Flucht schien den beiden Burschen der einzige Ausweg aus dieser Art Leibeigenschaft zu sein. So verließen die beiden ihre Heimat und wanderten auf entlegenen Wegen durch das Land. Angst vor Entdeckung war ihr ständiger Begleiter.
Eines Tages, als sie in einer abgeschiedenen Felsenhöhle übernachten wollten, wurden sie von einer Gruppe Menschen entdeckt, die plötzlich vor dem Höhleneingang standen. Offenbar wollte es der Zufall, daß die zwei ausgerechnet eine geheime Kultstätte der Hexen als Zufluchtsort wählten. Es war ein kritischer Augenblick. Die Hexen, selbst von Verfolgung bedroht, konnten es sich nicht leisten, das Wissen um den geheimen Ort ihrer Zusammenkünfte Fremden preis zu geben. Das Risiko verraten zu werden war zu groß. Zumindest einige aus der Gruppe jedoch hatten Sympathien für die zwei Jugendllichen und plädierten für deren Leben. Nun lag es für die beiden auf der Hand: entweder sich den Hexen anzuschließen oder zu sterben.
Zwei ältere Hexen waren bereit, jeweils einen der Burschen bei sich aufzunehmen und in die Künste einzuschulen. Die zwei Freunde mußten nicht dazu überredet werden. Abgesehen von der klaren Situation, in der über ihr Leben entschieden werden konnte, gaben ihnen die zwei Hexen auch die Möglichkeit einer neuen Heimat: Nahrung, Wärme und Schutz vor dem Wetter. Außerdem wog der vorläufige Verlust an Freiheit nichts gegen die Faszination der Magie und des geheimen Wissens.
Die Ausbildung der zwei Freunde war intensiv und riskant. Sie pendelten zwischen Halluzination und Wirklichkeit. Hier war das Hexentum schon von asiatischen Einflüssen geprägt, etwa solchen wie dem Tschöd (dem Buddhismus zugewandte mongolisch-tibetische Magie). Der eine der beiden Freunde überstand die Ausbildung nicht. Er wurde wahnsinnig und starb oder wurde getötet. Der andere jedoch lernte ungemein rasch und übertraf bald alle in seiner Gruppe an Wissen und Können. Es war nicht nur seine Begabung, die ihm dazu verhalf, sondern auch die ungeteilte Zuwendung seiner Lehrerin. In ihrer Frömmigkeit ließ sie keinen Tag vergehen ohne kleine Opfer und Gebete zum Segen ihres Schützlings.
Der junge Mann wurde in immer höhere Geheimnisse eingeweiht. Es waren Einweihungen, die schon längst von hohen Hexenmeistern erteilt wurden. Sein Name war jetzt Morphopopulus. Bei seiner Namensverleihung wurde ihm mit einer Schwertspitze das Malkreuz auf die Stirne geritzt. In Blut geschrieben sollte sein Name untrennbar mit seinem Leben verknüpft sein.
Morphopopulus wurde zum Führer des Hexenvolkes. Es gab niemanden, der höher stand als er, außer den Schwarzen Moses, der nur zu besonderen Anlässen zitiert wurde, um Anweisungen zu geben und sich darnach wieder in Luft aufzulösen.
Morphopopulus entstammte einer anderen Hexenlinie. Seine Lehrerin war fromm und der Schwarze Moses gehörte nicht zu ihrer Tradition. Während in tieferen Einweihungsgraden Unterschiede der Linien kaum von Bedeutung waren, bei höheren Führeren noch toleriert werden konnten, man konnte sich ja die Einweihungen von genehmen Führern geben lassen, so war die Zugehörigkeit zu einer Richtung beim "Hexenkönig" von wesentlicher Bedeutung. Sein Einfluß auf das Volk und die Weitergabe der Magie war groß. So kam es zur Konfrontation.
Für die Vertreter des schwarzen Hexenvolkes unfaßbar, weigerte sich Morphopopulus die Anweisungen des Schwarzen Moses zu befolgen. Morphopopulus lehnte die Befehle des Schwarzen Moses glattweg ab. Der Schwarze Moses tobte vor Zorn und löste sich unter Schwärze und Blitzen wieder auf. Die Versammlung der Hexen stürzte sich wütend auf Morphopopulus; sie traten ihn und schlugen mit Stöcken auf ihn ein.
Die Hexen waren dabei Morphopopulus zu töten, als ein Mitglied rief: "Tötet ihn nicht, seine Schmerzen wären viel zu kurz, er soll länger leiden!"
So fesselten sie Morphopopulus und brachten ihn in einen Narrenturm, wo er mit eisernen Ketten an die Wand geschmiedet wurde. Von Geisteskranken umgeben und täglich grausamen Folterungen unterzogen, verlor die Zeit ihre Bedeutung.
Zwei oder drei Jahre mochten so vergangen sein und das Interesse an ihm schwand zusehends. Eines Tages zerrte man ihn heraus und verkaufte ihn an einen Soldateneintreiber; vielleicht war es ein kleiner Zusatzverdienst der "Gefängniswärter".
Die Zeit darnach führte Morphopopulus irgendwann in ein sibirisches Arbeitslager. Es dauerte nicht lange, da war Morphopopulus unter Gefangenen und Aufsehern geehrt und ob seiner inneren Würde und Lebensweisheit geschätzt. Niemand wußte seine Herkunft oder seinen Namen; allerdings galt dies für jeden Gefangenen, denn diesbezügliches Schweigen war ein Teil der Überlebenskunst. Man nannte ihn einfach Ausschenker, denn Morphopopulus wurde das Ausschenken der Suppe anvertraut, ein Amt, das über Leben und Tod eines jeden einzelnen entscheiden konnte. Je nachdem, ob dem Mithäftling das fettlose Wasser von oben eingeschenkt wurde, oder der Schöpflöffel tiefer eintauchte und irgendwelche Fleischreste vom Kesselboden in den dargereichten Teller goß, wurde der Hunger gar nicht oder teilweise gestillt.
Morphopopulus war nun schon ein alter Mann und lebte in Frieden und obwohl im Lager war er von harter Arbeit und von Schikane verschont. Eines Tages wurden die Lagerpforten geöffnet und alle waren frei, auch Morphopopulus, aber für ihn hatte dies keine Bedeutung mehr.
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